Bericht zur XXXVIII. Königswinterer Tagung 2026
Bericht von: Desmond Otih, Institut für Politikwissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Daniel E.D. Müller, Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Ruhr-Universität Bochum
Die XXXVIII. Königswinterer Tagung mit dem Titel „Jenseits des 20. Juli 1944 – Der vergessene Widerstand“ widmete sich in diesem Jahr unbekannteren Episo- den des Widerstands abseits der großen Aktionen. Gemeinsam mit den Referie- renden wurden die Handlungsspielräume verschiedener, relativ wenig beachteter Akteure in ihrem Versuch erkundet, die Ziele des NS-Regimes zu vereiteln. Von Juristen über Pfarrer bis hin zu Landwirten und Jugendlichen wurden die Aktio- nen von Personen aus den verschiedensten sozialen Milieus untersucht. Dabei standen nicht nur Fragen nach der tatsächlichen Wirkmächtigkeit im Hinblick auf die Veränderung des Kriegsverlaufs oder die konkrete Minderung des Leids im Mittelpunkt, sondern auch die diversen Motivationshintergründe der Akteure. Auf dieser Grundlage wurde der Begriff des Widerstands von den Referierenden in ei- nem weiteren Sinne ausgelegt: Widerstand äußere sich nicht bloß in den konkre- ten Ereignissen oder ausschließlich in erfolgreichen Aktionen. Von Widerstand, so der Konsens unter den Referierenden, müsse überall dort die Rede sein, wo Menschen ihr Leben riskiert hätten, um für Menschlichkeit einzustehen, und wo Versuche unternommen worden seien, die Verbrechen des NS-Regimes zu unter- binden.
Der wissenschaftliche Teil der Tagung begann mit einem Vortrag von JOACHIM SCHOLTYSECK (Bonn). Scholtyseck rekonstruierte die Aufarbeitung der NS- Vergangenheit der Mainzer Fastnacht nach 1945. In der Frühphase der späten 1940er- und 1950er-Jahre habe der Fokus bei der Wiederbelebung des Mainzer Karnevals auf der Hebung der Stimmung gelegen, wodurch eine seriös-wissen- schaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit ausgeblieben sei. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren habe, unter anderem durch Volkskundler, ein Prozess der ernsthaften Auseinandersetzung eingesetzt. Von Widerstand in einem engeren Sinne könne, so Scholtyseck, nur in seltenen Fällen die Rede sein. Stattdessen hät- ten im Nachhinein Folklore und Verklärung der Fastnacht überwogen. Er schloss seinen Vortrag mit der Überlegung, ob die Bewertung der Vergangenheit aus den moralischen Kategorien der Gegenwart möglicherweise zu streng und ahistorisch ausfallen könnte.
Mit einem juristischen Zugriff auf die Thematik fuhr VERENA VON WICZLIN- SKI (Mainz) anhand der Biografien der Juristen Paul Zürcher und Siegfried Bader fort. Sie skizzierte, wie die beiden badischen Juristen auf unterschiedliche Weisen ihre Handlungsspielräume während der NS-Diktatur ausgenutzt hätten, um Wider- stand im weiteren Sinne zu leisten. Während Zürcher als Richter mit seinem strikt formalistischen Rechtsverständnis und einem entsprechenden Verhalten die Vor- haben der SS gestört habe, sei Bader durch die Vertretung politisch brisanter Man- danten und die Unterstützung von Gertrud Luckner aufgefallen. Die beiden Juris- ten seien unangepasste Persönlichkeiten gewesen, resümierte Wiczlinski, die in der Nachkriegszeit noch eine maßgebliche Rolle beim Wiederaufbau der Justiz spielen sollten.
Anschließend wechselte der Blick von der juristischen zu einer landwirtschaftli- chen Perspektive. Im Vortrag von HEINZ G. HUBER (Oberkirch) wurde das Le- ben des Nußbacher Landwirts Wilhelm Kasper vorgestellt. Der fromme Katholik sei einer der Wenigen gewesen, die die kriminelle Natur des NS-Regimes früh er- kannt hätten. Seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg hätten ihn nicht nur zu einem Pazifisten, sondern auch zu einem nonkonformen Zeitgenossen gemacht. Sein Entsetzen über den wahrgenommenen Antisemitismus habe Kasper auf ge- waltlose Weise in Spottbriefen an den „Stürmer“-Verlag und dessen Herausgeber, Gauleiter Julius Streicher, verarbeitet. Sein Handeln, das keine öffentliche Wir- kung entfaltet habe, müsse vor seinem religiösen Hintergrund verstanden werden. Kasper, so Huber, sei auch unter den Repressalien des NS-Regimes seinen Werten treu geblieben und habe Widerstand im Kleinen geleistet, indem er seine eigenen Überzeugungen verteidigt habe, auch dann noch, als er im KZ geschunden wurde und bei einem Tieffliegerangriff ums Leben kam.
MARKUS RAASCH (Mainz) unternahm den Versuch, die Taten des jungen und relativ unbekannten Walter Klingenbeck zu beleuchten. Zu den Aktionen des technikaffinen Klingenbeck hätten unter anderem der Empfang von Fremdsendern und das Beschmieren von Wänden mit dem „Victory“-Zeichen gezählt. Als Hauptmotive des 1942 verhafteten und wenig später ermordeten Klingenbeck identifizierte Raasch dessen Bestreben, den aussichtslosen Krieg zu beenden, so- wie seinen Einsatz für den katholischen Glauben. Der isolierte Charakter von Klingenbecks Aktionen und die begrenzten Möglichkeiten der Familie, das Ge- denken aufrechtzuerhalten, hätten dafür gesorgt, dass eine öffentliche Erinnerung erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts eingesetzt habe. Das Leben Klingenbecks zeige, wie wichtig jugendliche Agency im Hinblick auf den Widerstand sei, die deutlich ernster genommen werden müsse. Raasch beendete seinen Vortrag mit ei- nem Appell an eine vertiefte Forschung und mehr Sichtbarkeit für Walter Klin- genbeck, der zeit seines Lebens mit einem klaren Kompass seinen eigenen Weg gegangen sei.
ANGELA BORGSTEDT (Mannheim) thematisierte das Leben des evangelischen Pfarrers Hermann Maas und seinen Einsatz für die Verfolgten der NS-Diktatur. Maas, der nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs zu einem überzeugten Pazi- fisten geworden sei, habe sich zeit seines Lebens für die Völkerverständigung ein- gesetzt. Unter der Herrschaft des NS-Regimes habe er sich besonders für die deut- schen Juden engagiert und ihnen bei der Emigration ins Ausland geholfen. Nach- dem Maas in den frühen 1940er-Jahren schrittweise aus dem Dienst gedrängt wor- den sei, habe er sich nach 1945 erneut der Förderung des Dialogs gewidmet und seinen Kampf gegen den Antisemitismus fortgeführt. Dem Urteil von Borgstedt zufolge habe Maas nie seine Liebe zum Judentum verloren. Obwohl er sich selbst nicht als politischen Oppositionellen verstanden habe, habe er stets Solidarität mit den Opfern des Nationalsozialismus gezeigt und für die Wahrung der Humanität gekämpft.
Über die Biografie des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter referierte DA- VID NEUHOLD (Luzern). Jägerstätter, der aus seinem Netz aus Freunden und der Beziehung zu seiner Frau Kraft und Mut habe schöpfen können, sei aus Ge- wissensgründen zum Kriegsdienstverweigerer geworden. Er habe die Angriffs- kriege und die verbrecherische Natur des NS-Regimes kritisiert und für seine Überzeugungen 1943 mit seinem Leben bezahlt. Das moralische Versagen des Kollektivs sei für ihn Anlass gewesen, auf individueller Ebene passiven Wider- stand zu leisten.
Eine Perspektive des kommunistischen Widerstandes zeigte THOMAS GROTUM (Trier) mit seinem Vortrag über Hans Eiden auf. Der deutsche Kommunist und Widerstandskämpfer habe sich bereits vor der Machtübertragung auf die National- sozialisten in der KPD engagiert und nach 1933 Widerstand aus dem Untergrund heraus geleistet. Nach seiner Festnahme und dauerhafter KZ-Haft sei Eiden am Ende des Krieges Lagerältester im Konzentrationslager Buchenwald geworden. In dieser Funktion habe er sich um eine Verbesserung der Lebensumstände der In- haftierten bemüht. Mit Verzögerungs- und Verweigerungstaktiken habe er wieder- holt die Vorhaben der SS verhindert und so tausenden Insassen das Leben gerettet. Eiden habe sich nach Kriegsende erneut der Politik gewidmet und wurde in Israel posthum zu einem Gerechten unter den Völkern erklärt.
Über das Leben von Josef Heeb und seine Warnungen vor den Kriegsvorbereitun- gen des Deutschen Reiches referierte PIA NORDBLOM (Mainz). Für Heeb hätten sich Katholizismus und Nationalsozialismus in einem fundamentalen Kampf ge- genübergestanden, was ihn selbst zum Handeln veranlasst habe, unter anderem durch das Verteilen von Flugblättern. In seinem umfangreichen Briefwechsel mit dem polnischen Kardinal August Hlond habe Heeb über gesellschaftliche Ent- wicklungen sowie über die deutschen Kriegsvorbereitungen gegenüber Polen be- richtet, dessen Existenz er seit 1937 gefährdet gesehen habe. Der entschiedene Gegner des NS-Regimes sei 1940 aufgeflogen und 1942 hingerichtet worden. Auch wenn sein Handeln ohne politische Wirkung geblieben sei, habe er für seine Aktivitäten sein Leben riskiert, was ihn für Nordblom eindeutig von der Masse abhebe. Heeb sei zwar kein strahlender Held gewesen, so Nordblom, sondern ein unperfekter und zeitgebundener Mensch, dessen Verhalten nichtsdestotrotz ge- wichtig genug gewesen sei, um ihn als Widerstandskämpfer bezeichnen zu kön- nen.
Mit der militärischen Hitlergegnerschaft abseits des 20. Juli 1944 beschäftigte sich WINFRIED HEINEMANN (Berlin) am Sonntagmorgen. Er stellte das Leben und die Taten verschiedener militärischer Widerständler in der Wehrmacht dar. Diese hätten das Leben von Verfolgten bewahrt, Zerstörungsaktionen sabotiert oder ver- sucht, sich den heranrückenden Feinden zu ergeben, trotz des strikten Befehls, „bis zum letzten Mann“ zu kämpfen. Heinemann plädierte dafür, ihre Aktionen nicht anhand des Ausmaßes ihres Erfolges zu messen. Auch wenn keiner von ihnen letztlich den Kriegsverlauf verändert habe, hätten sie alle ihr Leben riskiert, um die Ziele des NS-Regimes zu vereiteln, und es deshalb auch verdient, für ihre Aktionen gewürdigt zu werden.
Polnischer Widerstand in Breslau stand im Fokus des Vortrags von KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ (Wrocław). Mit einer Darstellung der Widerstandsgruppe „Olimp“ beleuchtete Ruchniewicz, wie sich polnischer Widerstand mitten in einer deutschen Stadt formiert habe. Der Gruppe von bis zu 400 Mitgliedern sei es ge- lungen, Verfolgte des NS-Regimes zu unterstützen und die aus Spionage gewon- nenen Informationen an ausländische Nachrichtendienste weiterzugeben. Die Ver- haftung, Folter und Ermordung der allermeisten Mitglieder zeige exemplarisch, wie allergisch das NS-Regime auf autonome Bewegungen reagiert habe. Mit der Vorstellung der Olimp-Gruppe zeichnete Ruchniewicz kein Bild einer heroischen Widerstandsgruppe im klassischen Sinne. Die Beschäftigung mit ihr ermögliche vielmehr einen Einblick in das Leben von normalen Bürgern, die den Widerstand nicht in großen Aktionen, sondern in alltäglichen Handlungen geleistet hätten.
Im Abschlussvortrag ging PETER STEINBACH (Berlin) der Frage nach, vor wel- chen Herausforderungen Historiker in der Erforschung des Widerstandes stünden. In seinem Plädoyer für einen verantwortungsbewussten Umgang bei der Darstel- lung des Widerstands warnte Steinbach davor, das Vergangene wie ein Richter zu beurteilen. Stattdessen müssten sich Historiker stets der Ambivalenz der Zeit be- wusst sein und sich in Selbstkritik üben, wie es nicht zuletzt auch ein kontroverser Fall der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Passau gezeigt habe. Von zen- traler Bedeutung sei die Betrachtung der Menschen vor dem Hintergrund ihrer Zeit, wobei sich Historiker stets bewusst machen müssten, wie sie in ihrer Wahr- nehmung der Vergangenheit selbst von den äußeren Impulsen der Gegenwart be- einflusst würden. Schließlich lobte Steinbach die Leistungen der Forschungsge- meinschaft, die zu einer positiven Veränderung der Diskussionskultur beigetragen hätten.
Die Referierenden der Tagung verwiesen überzeugend auf die Vielfältigkeit des Widerstandes neben den bekannten, spektakulären Aktionen und prominenten Gruppen. Widerstand sei kein Phänomen gewesen, das ausschließlich den Rän- dern entsprungen sei, sondern habe auch ein bedeutendes Rekrutierungspotenzial in der Mitte der Gesellschaft aufgewiesen. Vom formalistischen Richter, der mit juristischen Verzögerungstaktiken die Pläne der SS durchkreuzte, über den tech- nikaffinen Jugendlichen, der heimlich Fremdsender empfing, bis hin zum pazifis- tischen Landwirt, der mit Spottbriefen die Autorität des Regimes untergrub: All diese Beispiele gewährten einen tiefen Einblick in die Handlungsspielräume ge- wöhnlicher Einzelpersonen, die Widerstand in ganz alltäglichen Handlungen statt in den großen Taten leisteten. Mit dieser Tagung konnte ein wertvoller Beitrag dazu geleistet werden, das öffentliche Bewusstsein für diejenigen Opfer und Wi- derständler der NS-Zeit zu stärken, derer im Raum der heutigen Erinnerungskultur verhältnismäßig spät und oft auf zögerliche Weise gedacht wird.
Konferenzübersicht:
Joachim Scholtyseck (Bonn): „Eine gewisse Stille“? Die Aufarbeitung der NS- Vergangenheit der Mainzer Fastnacht
Verena von Wiczlinski (Mainz): Karl Siegfried Bader und Paul Zürcher – Die Wege zweier badischer Juristen zwischen Nationalsozialismus und Demokratie
Heinz G. Huber (Oberkirch): „Juden in ihrer Eigenschaft als deutsche Staatsbür- ger in Schutz nehmen“ – Der Obstbauer Wilhelm Kasper aus Nußbach
Markus Raasch (Mainz): „Menschen, die dem Tag vorauslaufen“ – Die Wider- standsaktionen von Walter Klingenbeck
Angela Borgstedt (Mannheim): Pfarrer Hermann Maas und seine „Untergrund- bahn“ für Verfolgte
David Neuhold (Luzern): „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ – Franz Jä- gerstetters Kriegsdienstverweigerung
Thomas Grotum (Trier): „Diese Verbrecher gehören vor ein Gericht der Völker“ – Hans Eiden, kommunistischer Widerstandskämpfer und mutiger Lagerältester des KZ Buchenwald
Pia Nordblom (Mainz): Josef Heeb, ein warnender Informant über Kriegsvorbe- reitungen des Deutschen Reiches
Winfried Heinemann (Berlin): Eid und Gehorsam sind nicht alles – Formen der Hitlergegnerschaft im Militär neben dem 20.Juli 1944
Krzysztof Ruchniewicz (Wroclaw): „Olimp“ – Eine polnische Widerstandsgruppe in Breslau während des Zweiten Weltkrieges
Peter Steinbach (Berlin): Der „junge Professor“ und das „schreckliche Mädchen“ – Über die Schwierigkeiten der Erforschung von Widerstand und Verfolgung in einer deutschen Stadt
Zitation
Desmond Gozie Otih / Daniel E.D. Müller, Tagungsbericht: Jenseits des 20. Juli 1944 – Der vergessene Widerstand, in: H-Soz-Kult, 22.04.2026, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-161599
