Vom bürgerlichen Humanismus zum „Herrenmenschentum“

Die Transformation moralischer Werte
als Ausgangspunkt für den Widerstand
im „Dritten Reich“

Daniel E.D. Müller/Christoph Studt (Hrsg.)
Tagungsband zur XXXII. Königswinterer Tagung

Wie und unter welchen Umständen die deutsche Gesellschaft innerhalb von zwölf Jahren den Weg von Kant zur mörderisch-antisemitischen Moral nationalsozialistischer „Herrenmenschen“ gehen konnte, war die Leitfrage der Tagung der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 vom Februar 2019, auf die nun der vorliegende Band Antworten formuliert und wiederum neue Fragen aufwirft:

– Setzte diese Entwicklung erst 1933 ein oder liegen ihre Wurzeln viel früher?
Und was waren das für Werte, waren sie vielleicht längst überholt, passten sie noch in die Zeit, wurde ihr Verlust bedauert, ja überhaupt wahrgenommen?
– Existiert überhaupt so etwas wie „ewige“ Werte, die in jeder Regierungsform und in jedem Regime unverrückbare Gültigkeit behalten? Oder füllten sich alte Begrifflichkeiten mit neuen Inhalten?

Der Pfad vom bürgerlichen Humanismus der deutschen Aufklärung im 18. Jahrhundert bis zum nationalsozialistischen Herrenmenschentum des 20. Jahrhunderts scheint lang und von Katastrophen wie dem Ersten Weltkrieg gepflastert zu sein.

Beide scheinen so weit auseinanderzuliegen wie sie zeitlich voneinander getrennt sind. Doch die XXXII. Königswinterer Tagung hat aufgezeigt, wie unvermittelt, schnell und grundlegend die deutsche Gesellschaft den Weg vom ethischen Rigorismus Kants zum Rauch der Konzentrationslager gehen konnte: Auf vielen Ebenen – der Sprache, dem Recht, dessen philosophischen Grundlagen, althergebrachten Traditionen und der Ethik selbst – vollzog sich binnen kürzester Zeit eine fundamentale Transformation der Werte, die das Wahre zum Falschen, das Moralische zum Verwerflichen und das Gute zum Bösen erklärte, ohne dass sich breiter Widerspruch geregt hätte. Dem Widerstand der Wenigen stand eine mindestens indifferente, wenn nicht gar zustimmende Masse der Vielen gegenüber.

Es sind diese Mechanismen der Umkehrung, der Transformation von als
unerschütterlich geltenden Werten bis in ihr Gegenteil, zu denen der vorliegende Band vorzudringen versucht.

Inhaltsverzeichnis

„Handle so, daß der Führer dein Handeln billigen würde!“ –
Einleitung
DANIEL E.D. MÜLLER/CHRISTOPH STUDT

Sprache der Macht – Macht der Sprache.
Auf der Suche nach NS-spezifischen Spuren, Verfahren, Techniken
CLEMENS KNOBLOCH

Zusammenbruch der alten Welt?
Bemerkungen zur „Krise“ der Weimarer Republik
DESIDERIUS MEIER

Ein „unbemerkter“ Wandel?
Die Aushebelung des Rechtsstaats im „Dritten Reich“
CHRISTIAN HILLGRUBER

„Preußische Tugenden“ –
Eine Maske für den totalitären Staat?
FRANK-LOTHAR KROLL

Der Eid auf den „Führer“.
Zwischen Gewissensbindung und Entlastungsargument
VANESSA CONZE

„Herrenmoral“ für „rassereine Mitglieder der Volksgemeinschaft“.
Die Umwertung der Werte
WOLFGANG BIALAS

Von der Schwierigkeit, ein anständiger Mensch zu sein.
Kurt Gerstein und die „Zwiespältigkeit des Guten“
JÜRGEN SCHÄFER

„Alle Fragen, tief durchdacht, werden zu religiösen Fragen“.
Karl Ludwig zu Guttenbergs Auseinandersetzung mit dem
„Dritten Reich“
MARIA-THEODORA FREIFRAU VON DEM BOTTLENBERG-LANDSBERG

Gelegenheit macht (unbesungene) Helden?
Das Phänomen des Rettungswiderstands
ROBERT KAIN

Ökumenische Andacht
Theodor Roller (1915–2008) und Römerbrief 1, 16.17
THOMAS VOGEL †

Weiterführende Informationen

Konferenzbericht auf H/SOZ/KULT
https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8279

Möglichkeit zum Bestellen
Mail an info@forschungsgemeinschaft-20-juli.de
Link zum Wissner Verlag